Monatsspruch Mai 2021

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. (Sprüche 31,8)

Bild Monatsspruch Mai 2021

Dieser Spruch passt perfekt in unsere Zeit. Durch die Pandemie ist so vieles anders geworden, denn die Welt hat sich verändert, wir haben uns verändert. Wir sind hauptsächlich auf uns fokussiert und leben wie in einer Blase. Gesundheit ist zum obersten Gut geworden. Wir sind verunsichert und hoffen auf die Impfung und dadurch vielleicht auf eine Rückkehr zur Normalität.

Wenn ich mich aber umschaue und auf die anderen achte, dann merke ich, dass Einsamkeit und Kontaktarmut zur neuen Realität geworden sind. Wir leiden an „Hauthunger“, denn es gibt seit mehr als einem Jahr keine Berührungen zwischen nicht im selben Haushalt lebenden Personen, keinen Händedruck, keine Umarmung.

Wen trifft die Pandemie jetzt mehr als andere? Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, sind in Kurzarbeit, sind Mehrfachbelastungen ausgesetzt, denn zum Home-Office kommt das Home-Schooling, wenn man schulpflichtige Kinder hat. Die einen äußern sich noch und klagen über die Belastung, viele aber ziehen sich zurück und verstummen. Andere wieder, die schon sehr am Rande der Gesellschaft gelebt haben, sind noch weiter nach außen verdrängt worden.

Wenn ich den Vers „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“ als Aufruf an mich sehe, dann finde ich viele Betätigungsfelder. Was kann ich tun?

Wer sind die Stummen in unserer Gesellschaft? Wer die Verlassenen? Mir fallen sofort die Obdachlosen ein. Durch die verschiedenen Lockdowns haben sie die Möglichkeit verloren, sich irgendwo aufzuwärmen, irgendwo eine warme Mahlzeit zu bekommen, ein bisschen Geld durch Betteln zu verdienen. Diese Menschen haben es besonders schwer. Schon immer an den Rand der Gesellschaft gedrängt, werden sie jetzt praktisch unsichtbar und sind auch dem Virus schutzlos ausgeliefert, denn wie sollen sie zu einer Impfung kommen? Sie leiden stumm.

Aber zu den Schwachen der Gesellschaft gehören so unterschiedliche Personen. Kinder sind gefährdet, Jugendliche ebenso, junge alleinstehende Mütter, Menschen, die nicht sehr viel an Ausbildungen vorweisen können, alte Menschen. All das finden wir im eigenen Land.Für so vieles könnte man sich einsetzen, da reicht die Not im eigenen Land, da brauche ich mich gar nicht erst aus Österreich hinausbewegen.

Aber auch außerhalb unserer Grenzen gibt es Stumme und Verlassene. Ein Schandfleck in Europa sind die Flüchtlingslager, von denen beispielsweise Moria eine traurige Berühmtheit erlangt hat, aber auch das dafür entstandene Lager Kara Tepe entspricht nicht dem, was wir unter einer menschenwürdigen Unterbringung verstehen. Nur einige Stunden von uns entfernt leben Menschen in Zelten, in die die Feuchtigkeit eindringt, leben Kinder, die nachts von Ratten angeknabbert werden. Wir haben Bilder gesehen, wo Menschen barfuß in Flipflops durch den Schnee stapfen. Das ist nicht irgendwo, das ist nicht weit weg von uns.

Aber diese Menschen haben keine Lobby. Wir haben Angst, dass sie über unsere Grenzen kommen, wir wollen sie nicht. Zurück können sie aber auch nicht, denn sie sind vor Krieg, Hunger und Zerstörung geflohen. Ihr Wunsch war es, in Sicherheit leben zu können, aber was haben sie dafür eingetauscht? Europa zahlt dafür, dass sie nicht über die Grenze kommen, dass sie zurückgedrängt werden.

Sie sind Menschen wie wir, Ebenbild Gottes, nur auf der falschen Seite der Welt geboren. Und das ist nicht nur hier in Europa so, überall auf der Welt gibt es Flüchtlinge, Verfolgte, Gefolterte, Misshandelte, geschundene Menschen.

Sicher, es gibt Menschen, die sich engagieren, weil sie unbedingt anderen helfen wollten. Je berühmter sie sind, desto mehr Anhänger haben sie, die sie dann unterstützen und wo aus kleinen Anfängen etwas Großes, Einzigartiges entstehen kann. Ich erinnere mich an Karl Heinz Böhm, der mit einer Wette in einer Fernsehshow eine großartige Hilfe für die Menschen in Äthiopien in Gang gesetzt hat. „Menschen für Menschen“ hat vielen eine bessere Zukunft gebracht und Dinge nachhaltig verändert. Es gibt Hilfsorganisationen, die sich weltweit einsetzen, um Not zu lindern wie Ärzte ohne Grenzen, die Diakonie, die Caritas.

Kann ich mich also zurückziehen und mein Gewissen damit beruhigen, dass ich ab und zu etwas spende? Kann ich mich heraushalten? Spenden sind gut, aber über das reden, was wir als Unrecht empfinden, kann auf Dauer auch etwas bewirken. Die Menschen, die keiner sieht oder sehen will, die stumm sind oder stumm gemacht wurden, sie brauchen uns als Sprachrohr, denn himmelschreiende Ungerechtigkeit wird nicht besser, wenn ich wegschaue.

Aber es braucht nicht die großen Gesten. Schon in meinem Umfeld gibt es genug, wofür ich mich einsetzen kann. Reden ist besser als Schweigen. Wir sollen für die eintreten, die keine Stimme haben, der Einsatz für Schwache ist Auftrag an uns. Wo kann ich helfen? Für welche Menschen soll ich mich einsetzen? Wie kann ich mich auch mit wenig Zeit und wenig Mitteln einbringen?

Gerade in Zeiten der Pandemie könnte Folgendes ein Anstoß sein. Viele Menschen sind einsam, da könnte ich zum Beispiel telefonieren und so die Einsamkeit ein bisschen erträglicher machen. Man könnte auch einen Brief schreiben und dadurch Freude verbreiten. Man könnte sich ehrenamtlich engagieren und dort helfen, wo Hilfe nötig ist. Man könnte, könnte … Mit regelmäßigen Spenden oder einer Patenschaft kann ich Waisenkinder unterstützen und ihnen eine Ausbildung ermöglichen, die dann die Spirale der Armut unterbricht. Man kann die Arbeit der unterschiedlichen Hilfswerke unterstützen und so zeigen, dass wir Gottes Liebe weitergeben können.

Wichtig ist, dass wir hinschauen, nicht wegschauen. Dass wir uns nicht einschüchtern lassen, dass wir immer dann reden, wenn es uns richtig erscheint. Nur so können wir verhindern, dass die Stummen weiter stumm bleiben. Menschen, die verlassen sind, bekommen durch unser Engagement wieder eine Perspektive.

Der Dichter Günter Eich (1907 – 1972) hat in einem Gedicht geschrieben: „Seid unbequem, seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt“. Im übertragenen Sinn heißt das, dass ich nicht länger zusehen und nichts tun soll.